Unsere Albanienreise vom 6.-12. Mai 2004 hatte eigentlich schon im März ihren Anfang. Bei einem Treffen erzählte Lars Poignant von seiner bevorstehenden Reise nach Albanien und fragte uns, ob wir nicht mitkommen möchten. Und weil wir schon vor 10 Jahren das Land besuchen wollten, konnten wir nicht anders, als ja zu sagen.
Der Anlass war zu verlockend - gleich 2 Jubiläumsfeiern auf einmal! Vor 10 Jahren eröffnete Genci Muca die erste private Sprachschule für Englisch und vor 5 Jahren gründete er PTP-Albanien. Die Sprachschule unterhält heute Klassen in verschiedenen Städten und PTP-Albanien hat 5 Chapter. Unsere Neugierde wuchs mit jedem Tag - sicherlich auch dank sehr dürftiger Informationen über Shqiperia (so der albanische Name) und genauso auch die Vorfreude auf die bevorstehende Begegnung.
Am 6. Mai war es endlich soweit - von Berlin zuerst nach Wien, dann mit einer kleinen Propellermaschine weiter. Wir hatten keine konkreten Vorstellungen von Albanien, wussten so gut wie nichts, aber das was wir kurz aus dem Flugzeug sehen konnten, war überwältigend: links hohe schneebedeckte Berggipfel, rechts blaues Meer und Sandstrände, dazwischen saftig grünes Land. Die Landung in Tirana war kurz und schmerzlos und wir waren schnell draußen. Fast sofort entdeckten wir eine lachende junge Frau in Jeans und rotem Pulli, die ein Schild mit Namen „SCHÖMBS“ hielt. Es war unser „Empfangskomitee“: Evis mit ihrem Freund und einer Begleiterin. Wir wurden fast gleichzeitig entdeckt und es war als würden wir uns schon lange kennen.
Der internationale Flughafen liegt 25 km von Tirana entfernt und während der Fahrt in die Stadt konnten wir erste Eindrücke sammeln. Die Straße ist vollgestopft mit Mercedes älteren Baujahres, Eselkarren und Lastwagen - und übersät mit Löchern in jeder Größe. Wieso muss ich an Hanoi denken? Der Verkehr, viele Baustellen alte Häuschen neben neuen Glaspalästen, Vodafon und Coca-Cola Reklame, die Hektik und mittendrin eine kleine Ziegenherde, der Lärm - typische Merkmale eines Landes im Aufbruch. Das alles wird uns die ganze Woche lang überall begegnen. Fazit: in Albanien fahren anscheinend alle einen Mercedes, besitzen mindestens ein Handy und bauen ein Haus.
Unser Hotel „Friends“ in der Ruga e Kavajes ist ganz neu. Das Zimmer entspricht 2½ Sternen Standard, ist allerdings so klein, dass für einen Stuhl kein Platz mehr übrig bleibt. Dafür gibt es eine große Terrasse in den Garten mit duftendem Jasmin und blühenden Orangenbäumen.
Hinter dem nächsten Hochhaus glitzern schneebedeckte Berge - und es regnet. Um 17 Uhr werden wir von Evis zur Stadtbesichtigung abgeholt - zu Fuß. Zuerst zum zentralen Skanderbeg Platz mit Oper, Museum, diversen Regierungsgebäuden, Moscheen, Kirchen und dem unentbehrlichem Skanderbeg-Denkmal. Die 11 Stadtbezirke von Tirana unterscheiden sich sehr in ihrem Zustand. Es gibt das Regierungsviertel, am Ende des Prachtboulevards liegt die Universität mit einer Parkanlage und dem besten Hotel, neue, schöne Paläste samt Luxuswohnungen. Es gibt auch dunkle Gassen mit kleinen Häuschen und breite Straßen mit Wohnblocks aus der kommunistischen Ära. Tirana ist keine schöne Stadt, aber dafür sehr lebendig mit unzähligen kleinen Cafés, Restaurants und Modegeschäften. Auf dem Dach eines neuen Bürogebäudes befindet sich ein Drehrestaurant mit Cafébar, wo wir mit Evis bei vorzüglichem Frappé-Kaffee den Rundblick genießen.
Der nächste Tag (Freitag) stand im Zeichen des PTP-Jubiläums. Gefeiert wurde in Berat, wohin wir mit Evis und Alexander gefahren sind. Alexander ist auch PTP-Mitglied, unterrichtet Englisch und wie sich zeigte ist er auch ein begehrter, begnadeter Tänzer. Berat liegt 80 km südöstlich von Tirana in einem fruchtbaren Flusstal, zwischen 2 schützenden Bergketten. Dort trafen wir auf weitere Mitglieder von PTP-Albanien sowie Schüler und Lehren der Sprachschule. Jetzt lernten wir endlich Herrn Genci Muca kennen - den Initiator, Gründer und Motor von PTP-Albanien und der Sprachschule. Nach Besichtigung einer mittelalterlichen Burganlage samt schöner orthodoxer Kirche mit Ikonensammlung ging es um 14 Uhr zum offiziellen Programm. Dazu kamen außer dem Prefekt von Berat auch Gäste aus England, Malta und USA.
Beim Bankett für 70 Teilnehmer mit Livemusik erhielten Schüler aus Berat Zertifikate und PTP- Mitglieder wurden ausgezeichnet.
Am Samstagnachmittag ging die offizielle Feier in Tirana weiter, diesmal waren 120 Gäste anwesend. Lars hielt eine Ansprache, es wurde eine Grußadresse von Mary Eisenhower vorgelesen und „meine Kleinigkeit“ war stellvertretend für PTP-Berlin „Brücke der Freundschaft“ mit dem überbringen von Grüßen und Geschenk auch dabei.
Beide Tage waren sehr schön, interessant und gut gestaltet - mit großzügigen Menüs, Getränken, Programm und Transport. Die Teilnehmer von PTP-Albanien waren mit 15 € an den Kosten beteiligt (bei einem pro Kopf Einkommen von etwa 100 € monatlich), aber die fröhliche, zugleich feierliche Atmosphäre stand im Vordergrund.
Am späten Samstagnachmittag besuchten Peter und ich noch Kruja, hoch in den Bergen östlich von Tirana, eine der wichtigsten albanischen Städte. Leider regnete es in Strömen, so dass unser Spaziergang durch die Burganlage ins Wasser fiel. Der albanische Nationalheld Skanderbeg (1405-1468) war Bey (Gouverneur) von Kruja und baute die Stadt zu einer Festung aus. Die Stadt und Burg sind sehenswert.
Am Sonntag traten wir bei Kälte und Regen unsere Reise Richtung Saranda an. Die 280 km lange und über 8 Stunden dauernde Fahrt glich einer abenteuerlichen Rallye. Die Straßenverhältnisse von „ganz gut“ (Landstraße) über Eselpfad, Baustellen bis nicht vorhanden - ließen kein anderes Reisetempo zu. Dafür wurden wir mit grandiosen Aussichten belohnt, die eine einmalig schöne Landschaft offenbarten. Die Straße führte uns vom Meer über den 1600 m hohen Bergkamm entlang der Küste mit schneebedeckten Gipfeln, goldgelb blühenden Hügeln, Obstplantagen, Olivenhainen und immer wieder großen Schafherden.
Unser Eindruck von Albanien als einer einzigen Baustelle wurde noch verstärkt - in jedem Dorf wachsen neue, große Häuser wie Pilze aus dem Boden. Wie Pilze sehen auch die unzähligen kleinen Bunker aus - wo gerade ein Soldat Platz hatte, um den Kommunismus zu „verteidigen“.
In Saranda waren wir die einzigen Gäste des 5-Sterne-Hotels Butrinti und endlich hatten wir auch blauen Himmel, Sonne und blaues Ionisches Meer mit der Insel Korfu vor Augen. Saranda ist die südlichste Provinzhauptstadt mit Hafen. Sie ist das Tor zum Nationalpark Butrinti mit Naturpark, griechischer Akropolis aus dem 6 Jahrhundert v. Chr. und einer neuen Festung.
Es gibt viele kleine neue Hotels, eine neue Strandpromenade, einen Markt, genug Geschäfte und gute Restaurants. Die Lage und gute Fährverbindungen nach Korfu (12 km) garantieren einen hohen Urlaubswert.
Nach 3 Tagen Erholung ging es zurück nach Tirana - diesmal über das Landesinnere. Die Zeit reichte für eine Stippvisite in Gjirokastra, die auch „Stadt der 1000 Stufen“ genannt wird. Das harmonische Stadtbild mit großer Burg verdankt Gjirokastra seiner Lage am Fuß einer Bergkette und Architektur. Auch ohne das Meer ist die Landschaft schön und abwechslungsreich, mit vielen Flusstälern und grünen Ebenen. Das Gesamtbild wird hauptsächlich von Landwirtschaft geprägt, dagegen ist Industrie nur sehr sporadisch anzutreffen. Es gibt alles, was man aus Griechenland und Italien kennt, inklusive gutem Weißwein.
Nach Rückkunft im Hotel Friends brachten wir unseren Leihwagen zurück, packten unsere Koffer neu um. Die Zeit reichte für einen kleinen Stadtbummel, bevor wir von Evis abgeholt wurden. Wir trafen uns in einem guten italienischen Restaurant mit Genci, Lars und Aida zum Dinner. Es war ein schöner, ein wenig wehmütiger Abend. Wir nahmen Abschied von neuen Freunden, die wir hoffentlich bald wieder treffen werden. Am nächsten Tag - 13.5. traten wir unseren Rückflug nach Berlin an. Wir haben beschlossen Albanien wieder zu besuchen um mehr zu sehen und erfahren.
Wir möchten uns nochmals besonders bei Evis und Genci für die Herzlichkeit die wir erleben durften bedanken und freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen.
Judith und Peter